Europas vergessene Insel – Comino

Comino hat vier Einwohner, ein Hotel und eine Lagune.

Die Einsamkeit beim Betreten der Insel ist fast körperlich spürbar. Leise klatschen die Wellen an die Felsen und ein leichter Wind bläst - sonst ist kein Geräusch zu hören. Es riecht nach Meer und Blumen. Felder von gelbem Sauerampfer blühen vor Steinmauern, die Insel ist übersät mit den Büschen der blühenden Wolfsmilch. Gelb ist die Farbe des Frühlings auf Comino.

Im Kanal Il Fliegu, zwischen Gozo und Malta liegt Comino, die kleinste der drei Inseln des maltesischen Archipels, nur 2000 Meter lang und 1700 Meter breit.

 

Doch das kleine Eiland lockt Urlauber von seinen beiden größeren Schwestern herüber. Während im Sommer vor allem Sonnenanbeter und Wassersportfans herüberkommen, schätzen Naturliebhaber, Wanderer und Fotografen besonders die Stille und Abgeschiedenheit der Insel in den Frühlingsmonaten.

Cominos Attraktion ist die Blaue Lagune. Zwischen Felsen und Höhlen leuchtet ihr kristallenes Wasser magisch in allen Blautönen des Farbspektrums. In den Sommermonaten lockt sie Hunderte von Tagesgästen nach Comino - zum Tauchen, Schnorcheln und Baden. Wer kein Picknick dabei hat, lässt sich von den fliegenden Händlern in ihren Booten mit Getränken und Snacks versorgen.

Im Frühling ist Comino ausgesprochen ruhig, ein idealer Ort zum Wandern. Die Temperaturen sind mit zwölf bis fünfzehn Grad angenehm, und auf den Streifzügen über die Insel trifft man nur selten einen Menschen. Ohnehin erkundet man Comino am besten zu Fuß, denn es gibt nur wenige befestigte Wege. Neuneinhalb Kilometer lang ist die Strecke entlang der felsigen Küste rund um die Insel - auf den unebenen Klippen aber doch eine Tagestour.

 

Beschilderte Pfade gibt es nicht. Begleitet von dem Duft der Wolfsmilchbüsche sucht sich jeder selbst seinen Weg.

Ein Dorf oder Einkaufsmöglichkeiten sucht man vergebens. Beinahe an einer Hand kann man die Bauwerke aufzählen: Es gibt eine Kapelle, eine Polizeistation, eine kleine Schweinefarm, das ehemalige Isolationshospital und das "Comino-Hotel". Dazu aber noch zwei richtige Sehenswürdigkeiten: Oberhalb der Südklippe in 80 Meter Höhe thront der Comino Tower, der 1618 als Verteidigungsposten errichtet wurde. Und dann gibt es da noch die Santa Maria Gun Batterie aus dem Jahre 1715. Noch heute sind die sechs schweren Kanonen der restaurierten Geschützstellung auf den Kanaleingang gerichtet.

Vor 7000 Jahren wurden die drei fruchtbaren Inseln im Mittelmeer besiedelt - auch das kleine Eiland Comino, das über die Jahrhunderte immer wieder unterschiedlich genutzt wurde. So kamen in den 30er-Jahren viele Familien aus Gozo auf die Insel, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Mehr als 60 Menschen lebten damals hier.

 

Heute sind es nur noch vier - die Brüder Angelo und Salvu, ihre Tante Maria Buttigieg und Cousine Veggi. Der 58-jährige Salvu ist bei der maltesischen Water Services Corporation angestellt. Geschäftig fährt er in seinem Mini-Jeep umher und kümmert sich um das Bewässerungssystem seiner Insel. Daneben baut er mit Bruder Angelo ein wenig Gemüse an. Manchmal fällt die Ernte so üppig aus, dass sie auch das Hotel mit Kartoffeln und Gemüse beliefern können.

 

Hat Salvu jemals darüber nachgedacht, an einem anderen Ort zu leben? "Ganz bestimmt nicht! Auf Comino habe ich alles, was ich zum Leben brauche."

Aber heute holt Salvu doch sein Boot aus der Garage und bringt es mit einem Trailer hinunter zum Hafen. Denn ungefähr zweimal im Jahr verlässt er die Insel und fährt für einen halben Tag nach Malta oder Gozo. Immer dann, wenn ihm Motorenteile für seine Maschinen, das Boot oder sein Auto fehlen oder um einen Arzt aufzusuchen. Alle Lebensmittel für den täglichen Bedarf lassen sich die vier Bewohner der Insel regelmäßig liefern.

 

Schon im Frühling leuchtet das Wasser türkis. Fast gleichzeitig mit den ersten Hotelgästen treffen im April auch die Zugvögel ein. Mehr als dreihundert verschiedene Arten landen für einen Zwischenstopp auf der Insel, darunter Falken und Bussarde. Ein Erlebnis für Vogelfreunde und Ornithologen.

Regelmäßig steuert auch der 70-jährige Pater Xerri mit seinem kleinen Boot Comino an. Bei Wind und Wetter, Sturm und Wellengang macht der Priester zweimal die Woche sein Boot in der Marija Bay fest, um für seine kleine Gemeinde die Messe zu halten. Seit über vierzig Jahren predigt er in der kleinen Kapelle Marija Asunción. Im Sommer kommen auch viele Hotelgäste dazu. Dicht gedrängt stehen sie bis hinaus auf dem Vorplatz, um den Gottesdienst mitzufeiern.

 

Der Name Comino leitet sich übrigens aus dem lateinischen Wort für Kümmel (Cuminum) ab, der hier im Mittelalter überall wuchs. Kümmel ist heute kaum noch zu finden, dafür jede Menge wilder Fenchel und Thymian zwischen den Felsen.

 

Die Malteser sagen gern, die Steine der Inseln hätten eine Seele. Ähnlich muss auch Maltas ehemaliger Präsident, der Schriftsteller Anton Buttigieg, empfunden haben, als er auf den Felsen gegenüber der blauen Lagune saß. Er schrieb: "Gott, wenn ich sterbe, lege meinen Schädel auf den Rand des Kliffs, damit ich das perlende kristallklare Wasser der Blauen Lagune sehen kann bis in alle Ewigkeit."

Anreise: Mit der Fähre nach Gozo ab Fährterminal Cirkkewa. Von beiden Inseln aus besteht in der Saison ein regulärer Bootsverkehr nach Comino.

Unterkunft: "Comino Hotel and Bungalows", DZ mit Halbpension ab 70 Euro, www.cominohotel.com "Kempinski Hotel San Lawrenz", Gozo, DZ ab 145 Euro, www.kempinski-gozo.com

 

Quelle: Welt.de von Adrienne Friedlaender

 

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